Was die Nohl-Matrix ist
Die Nohl-Matrix ist ein zweidimensionales Bewertungsschema für Arbeitsplatz-Gefährdungen. Der Ansatz stammt aus den 1980er-Jahren (benannt nach Joachim Nohl) und hat sich zum Quasi-Standard der Gefährdungsbeurteilung in Deutschland entwickelt. Grundidee: Risiko = Eintrittswahrscheinlichkeit × möglicher Schadensumfang.
Die zwei Achsen
Eintrittswahrscheinlichkeit (typisch 4 Stufen): sehr gering · gering · mittel · hoch.
Schadensausmaß (typisch 4 Stufen): leichte Verletzung · schwere Verletzung · schwere Verletzung mit Langzeitfolgen · Tod / Katastrophe.
Multipliziert entsteht eine Risiko-Matrix mit 16 Feldern. Je höher das Produkt, desto dringender sind Maßnahmen.
So nutzen Sie die Matrix in der Praxis
- Gefährdung benennen. Beispiel: Absturzgefahr auf Flachdach ohne Brüstung.
- Eintrittswahrscheinlichkeit einschätzen. Bei täglicher Tätigkeit ohne Schutzmaßnahme: hoch.
- Schadensausmaß einschätzen. Sturz aus 6 m: schwere Verletzung mit Langzeitfolgen bis Tod.
- Risiko berechnen. hoch × tödlich = kritisches Risiko → Maßnahme zwingend.
- Maßnahme zuordnen. Brüstung oder PSAgA (Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz).
- Restrisiko neu bewerten. Mit PSAgA: gering × tödlich → akzeptabel mit Unterweisung.
Warum die Nohl-Matrix kritisiert wird
- Scheingenauigkeit. Die 4×4-Matrix suggeriert Präzision, wo Expertenschätzungen stecken.
- Produkt vs. Additive Modelle. Ein tödlicher Schaden mit „sehr geringer" Wahrscheinlichkeit kommt manchmal in ein niedriges Feld — und wird unterschätzt.
- Fehlende Dimensionen. Organisatorische Kontext-Faktoren (z. B. Schichtzeit, Team-Größe) fallen raus.
- Kognitive Verzerrungen. Ankereffekt: wer erstmal „mittel" gesetzt hat, bleibt dabei.
Die Debatte ist gerade wieder in Fahrt (siehe Sebastian Ws. jüngste Beiträge in diversen SiFa-Foren). Für 95 % aller Fälle ist die Nohl-Matrix aber ein praktikables Werkzeug — solange sie bewusst und mit Second Opinion eingesetzt wird.
Alternativen
- FMEA (Failure Mode and Effects Analysis). Aus der Automobilindustrie; 3 Dimensionen (Wahrscheinlichkeit, Bedeutung, Entdeckung).
- Kinney-Methode. 3 Dimensionen (Wahrscheinlichkeit, Exposition, Schadensausmaß); im angelsächsischen Raum verbreitet.
- Bow-Tie-Analyse. Qualitativ, aber visuell stark; gut für Hochrisiko-Branchen.
Für die meisten deutschen Mittelstandsunternehmen bleibt Nohl die pragmatische Wahl — ergänzt durch Expertenurteil und regelmäßige Überprüfung.
Tool-Tipp: Nohl-Matrix automatisieren
MeineGBU nutzt die Nohl-Matrix als Basis, ergänzt sie jedoch um Branchenspezifika und KI-basierte Plausibilitätsprüfung. Ergebnis: reproduzierbare Bewertungen statt Bauchgefühl. Siehe auch unsere SiGeKo-App für Baustellen-spezifische Bewertungen.