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2. Februar 20262 Min. Lesezeit

Nohl-Matrix einfach erklärt — und wo sie an ihre Grenzen stößt

Wie die Nohl-Risikomatrix Gefährdungen bewertet, warum sie trotz Kritik Standard bleibt und welche Alternativen existieren. Mit Praxisbeispielen.

MethodenRisikobewertung

Was die Nohl-Matrix ist

Die Nohl-Matrix ist ein zweidimensionales Bewertungsschema für Arbeitsplatz-Gefährdungen. Der Ansatz stammt aus den 1980er-Jahren (benannt nach Joachim Nohl) und hat sich zum Quasi-Standard der Gefährdungsbeurteilung in Deutschland entwickelt. Grundidee: Risiko = Eintrittswahrscheinlichkeit × möglicher Schadensumfang.

Die zwei Achsen

Eintrittswahrscheinlichkeit (typisch 4 Stufen): sehr gering · gering · mittel · hoch.

Schadensausmaß (typisch 4 Stufen): leichte Verletzung · schwere Verletzung · schwere Verletzung mit Langzeitfolgen · Tod / Katastrophe.

Multipliziert entsteht eine Risiko-Matrix mit 16 Feldern. Je höher das Produkt, desto dringender sind Maßnahmen.

So nutzen Sie die Matrix in der Praxis

  1. Gefährdung benennen. Beispiel: Absturzgefahr auf Flachdach ohne Brüstung.
  2. Eintrittswahrscheinlichkeit einschätzen. Bei täglicher Tätigkeit ohne Schutzmaßnahme: hoch.
  3. Schadensausmaß einschätzen. Sturz aus 6 m: schwere Verletzung mit Langzeitfolgen bis Tod.
  4. Risiko berechnen. hoch × tödlich = kritisches Risiko → Maßnahme zwingend.
  5. Maßnahme zuordnen. Brüstung oder PSAgA (Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz).
  6. Restrisiko neu bewerten. Mit PSAgA: gering × tödlich → akzeptabel mit Unterweisung.

Warum die Nohl-Matrix kritisiert wird

  • Scheingenauigkeit. Die 4×4-Matrix suggeriert Präzision, wo Expertenschätzungen stecken.
  • Produkt vs. Additive Modelle. Ein tödlicher Schaden mit „sehr geringer" Wahrscheinlichkeit kommt manchmal in ein niedriges Feld — und wird unterschätzt.
  • Fehlende Dimensionen. Organisatorische Kontext-Faktoren (z. B. Schichtzeit, Team-Größe) fallen raus.
  • Kognitive Verzerrungen. Ankereffekt: wer erstmal „mittel" gesetzt hat, bleibt dabei.

Die Debatte ist gerade wieder in Fahrt (siehe Sebastian Ws. jüngste Beiträge in diversen SiFa-Foren). Für 95 % aller Fälle ist die Nohl-Matrix aber ein praktikables Werkzeug — solange sie bewusst und mit Second Opinion eingesetzt wird.

Alternativen

  • FMEA (Failure Mode and Effects Analysis). Aus der Automobilindustrie; 3 Dimensionen (Wahrscheinlichkeit, Bedeutung, Entdeckung).
  • Kinney-Methode. 3 Dimensionen (Wahrscheinlichkeit, Exposition, Schadensausmaß); im angelsächsischen Raum verbreitet.
  • Bow-Tie-Analyse. Qualitativ, aber visuell stark; gut für Hochrisiko-Branchen.

Für die meisten deutschen Mittelstandsunternehmen bleibt Nohl die pragmatische Wahl — ergänzt durch Expertenurteil und regelmäßige Überprüfung.

Tool-Tipp: Nohl-Matrix automatisieren

MeineGBU nutzt die Nohl-Matrix als Basis, ergänzt sie jedoch um Branchenspezifika und KI-basierte Plausibilitätsprüfung. Ergebnis: reproduzierbare Bewertungen statt Bauchgefühl. Siehe auch unsere SiGeKo-App für Baustellen-spezifische Bewertungen.

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